Frühe Blattanalyse im Obstbau

anläßlich des 19. Bundeskernobstseminars (23. bis 25. Februar 1999) in Oppenheim
Meinhad Aichner, Agrochemisches Labor Laimburg

Die Standard-Methode für die Feststellung des Nährstoffbedarfes im Obstbau war und ist auch heute noch die Bodenanalyse.
Sie gibt Aufschluss über Struktur, Humusgehalt und pH-Wert des Bodens sowie über den Gehalt an verschiedenen Nährstoffen. Dies sind wichtige Kenngrößen, mit denen sich, in Verbindung mit dem jährlichen Nährstoffentzug, die Düngung auf den tatsächlichen Bedarf abstimmen läßt.
Allerdings sagt die Bodenanalyse nur aus, in welchen Mengen die einzelnen Elemente im Boden enthalten sind. Sie kann keinen Aufschluss darüber geben, ob und wieviel die Pflanze tatsächlich aufgenommen hat. Innerhalb verschiedener Nährstoffelemente gibt es nämlich Konkurrenzwirkungen d.h. Antagonisten.
So kann z.B. bei hohem Kaligehalt die Magnesiumaufnahme gehemmt, bei hohem pH-Wert und viel Kalzium die Spurenelemente gebunden werden, so daß trotz Vorhandensein dieser Elemente im Boden, Mangelerscheinungen an der Pflanze auftreten können.
Hier kann die Blattanalyse gute Zusatzinformationen bringen. Denn diese zeigt an, welche Nährstoffe und wieviel die Pflanze tatsächlich aufgenommen hat. Mit der Blattanalyse wird nämlich die Konzentration der Mineralstoffe im Blatt (bezogen auf die Trockensubstanz) angegeben. Allerdings ist die Blattanalyse nur als eine Momentaufnahme der Inhaltstoffe und damit als Kontrolle der Nährstoffaufnahme anzusehen.
Bisher wurde die Blattanalyse vorwiegend in der zweiten Julihälfte bis Anfang August durchgeführt. Zu diesem Zeitpunkt bleiben die Blattinhaltstoffe in ihrer Konzentration ziemlich konstant. Aus umfangreichen Untersuchungen liegen nun für den Obstbau und für diesen Zeitpunkt auch gute Richtwerte der einzelnen Nährstoffe vor.

Tabelle 1 Nährstoffgehalte in Apfelblättern

Nährstoffe
Optimaler Nährstoffbereich
Stickstoff (N) %
2,30 – 2,60
Phosphor (P) %
0,18 – 0,26
Kalium (K) %
1,20 – 1,70
Kalzium (Ca) %
1,20 – 2,00
Magnesium (Mg) %
0,18 – 0,36
w
Bor (B) ppm
30 – 50
Eisen (Fe) ppm
40 – 100
Mangan (Mn) ppm
40 – 100
Kupfer (Cu) ppm
5 – 12
Zink (Zn) ppm
20 – 50

Wenn nun über die Blattanalyse tatsächlich Ungleichgewichte der Nährstoffversorgung der Obstbäume festgestellt wurden, so hatte der Praktiker bisher kaum mehr Möglichkeiten, im selben Jahr noch etwas zu unternehmen.
Die Frage, ob früher durchgeführte Blattanalysen dies ermöglichen, drängte sich daher schon lange auf. Allerdings gab es darüber kaum Erfahrungen und noch weniger wußte man, wie derartige Ergebnisse zu bewerten sind. Auch wäre interessant zu wissen, wie sich im Laufe der Vegetationszeit der Gehalt der einzelnen Nährstoffe im Blatt entwickelt.
Um mehr Klarheit in dieser Fragestellung zu bekommen, wurde am Versuchszentrum Laimburg bereits ab 1993 eine Serie vorgezogener Blattanalysen begonnen und diese bis im heurigen Jahr 1998 weitergeführt. Im einzelnen handelte es sich um folgendes Programm:
1993: Analysen aus 80 Obstanlagen an 3 Terminen
1994: Analysen aus 80 Obstanlagen an 5 Terminen
1995: Analysen aus 32 Obstanalgen an
· Basalblättern zu Beginn und Ende der Blüte
· weitere Analysen in 14-tägigen Abständen bis Ende Oktober
1996: Analysen in 44 Obstanlagen
· zu Beginn und Ende der Blüte
· bis 5 Wochen nach der Blüte - alle 8 Tage
· dann bis Ende Oktober in 14-tägigen Abständen
· zusätzlich wurden bei der Ernte Früchte analysiert
1997: Analysen in 44 Obstanalgen: dasselbe Programm von 1996
1998: bis Ende Juni wie 1996/97, ab Juli 1 x im Monat


Probenahme:

Für die Blattanalysen im Juli/August werden die Blätter normalerweise aus dem mittleren Bereich einjähriger Langtriebe entnommen.
Für die frühen Blattanalysen erfolgte die Blattentnahme aus der Mitte der heurigen Jahrestriebe (zu Vegetationsbeginn nur sehr kurze Triebe) und zwar je 2 Blätter pro Trieb mit insgesamt 100 Blättern von 25 Bäumen. Die Triebe müssen gut belichtet sein und sich im mittleren Bereich der Baumkrone befinden.
Siehe Darstellung für die Blattprobenentnahme.

Auf Grund der vielen vorliegenden Daten über die ganze Vegetationszeit und einer Interpolierung der Werte von Juli/August auf frühere Termine wurden in einem Kurvenverlauf vorläufige Optimalwerte der Blattinhaltsstoffe für jeden Zeitpunkt innerhalb der Vegetation festgelegt. Das System zählt die Tage vom Zeitpunkt der Vollblüte an bis zum Probenahmezeitpunkt und beschreibt die Gesetzmäßigkeiten der Nährstoffeinlagerung bezogen auf die Blatt-Trockenmasse über die gesamte Vegetationszeit. (Siehe Grafik für N und Ca.)
Wird nun eine Blattanalyse z.B. im Mai oder Juni durchgeführt, so läßt sich schon frühzeitig feststellen, ob bestimmte Nährstoffe im Blatt deutlich außerhalb dieses angenommenen Optimalbereiches liegen d.h. im Bereich “niedrig” oder “hoch”. Damit kann der Obstbauer noch rechtzeitig entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen und durchführen.


Interpretation

Bei der Umsetzung der Analysenergebnisse in Düngungs- bzw. Pflegemaßnahmen darf man nicht nach einem starren Schema vorgehen. Heute gibt es verschiedene computergestützte Interpretationssysteme (z.B. DRIS). Diese bewerten die Nährstoffe einzeln und setzen sie in einem Verhältnis zueinander. Besonderen Wert legt man auf die Nährstoffverhältnisse. Manche Interpretationssysteme berücksichtigen auch Faktoren, z.B. Witterung, Fruchtbehang, Bodenmerkmale u.a. , welche auf die Nährstoffaufnahme Einfluß nehmen. Der Wert dieser Systeme wird vor allem von den angegebenen Daten bestimmt. Sie eignen sich vor allem für Labors mit einem hohen Probendurchgang und wo der persönliche Kontakt zwischen Labor, Berater und Praktiker nicht gegeben ist.
Bei der grafischen Auswertung der Analysenergebnisse, wie sie vom Labor Laimburg erarbeitet werden, kann man sich leicht einen Überblick über die Mineralstoffversorgung der Blätter machen (siehe Analysenergebnis). Die grafische Darstellung der Analyse zeigt nicht nur, in welchem Versorgungsbereich die Nährstoffe liegen, sondern zeigt auch die Nährstoffverhältnisse an. Die Aussage der Blattanalyse ist genauer, wenn mehrjährige Analysenergebnisse vorliegen. Auch die Ergebnisse der Bodenanalyse sind hierbei sehr wertvoll. Grundsätzlich gilt, je ausgeglichener die Nährstoffversorung im Boden ist, desto aussagekräftiger und interessanter ist die Blattanalyse. Gibt die Blattanalyse zu niedrige Werte an, heißt dies, daß entweder der Boden mit dem betreffenden Nährstoff zu niedrig versorgt ist oder die Bedingungen für die Aufnahme ungünstig sind. Wieviel über den Boden gedüngt werden soll, zeigt die Blattanalyse nicht an. Daraus ersieht man, daß die Blattanalyse die Bodenuntersuchung nicht ersetzt, sondern nur ergänzen kann.
Bei der praktischen Anwendung der Blattanalyse soll dem erfahrenen Praktiker sowie dem fach und ortskundigen Berater ein gewisser Spielraum, nicht nur bei der Bewertung der Analysen, sondern auch bei den zu treffenden Maßnahmen eingeräumt werden.

Einige Erfahrungswerte:

· Witterung: Die Witterung vor der Probenahme (1-2 Wochen) hat Einfluß auf die Nährstoffaufnahme und muß für die Interpretation berücksichtigt werden. Ist die Witterung günstig für die Nährstoffaufnahme (warmer, feuchter, lockerer Boden) und findet man niedrige Blattwerte, dann sind gezielte Blatt- und Bodendüngungen zu empfehlen. Ist die Witterung hingegen ungünstig für die Nährstoffaufnahme (kalter, zu trockener oder staunaßer Boden) und sind die Blattwerte niedrig, dann ist zunächst eine Blattdüngung angebracht.
· Fruchtbehang: Früchte nehmen viele Nährstoffe, besonders aber Kali, auf. Die Behangstärke wirkt sich konsequenterweise auf den Kaligehalt des Blattes aus. Ist der Baum schwach behangen, ist der obere Bereich, bei reichem Behang der untere Bereich in der Nährstoffkurve als optimal anzusehen.
· Triebwachstum – Schnitt: Bei starkem Triebwachstum und Schnitt sind ebenfalls die niedrigeren Stickstoff- und Kaliwerte anzustreben. Ist das Triebwachstum schwach und der Schnitt lang, dann sind hingegen höhere Werte sinnvoll.
· Sorten: Es gibt Sorten, welche bei gleicher Ernährung in der Tendenz mehr Blattstickstoff einlagern. Dazu gehören laut Erhebungen der Laimburg Red Delicious, Winesap, Fuji und Braeburn.
Gala und Golden Delicious dagegen lagern weniger Stickstoff ein. Bei letzteren dürfte der günstige Wert des Blattstickstoffs um 2,3 % liegen, während bei den erstgenannten Sorten ein Wert von 2,5 – 2,6 % anzustreben ist.
· Baumalter: Die angegebenen Versorgungsbereiche beziehen sich auf Bäume im Ertragsalter. Die Blattanalyse ist erst ab einem nennenswerten Ertrag sinnvoll.


Vorteile der frühen Blattanalyse

Mit den Ergebnissen der frühen Blattanalyse wurde ein neues Bewertungsschema aufgestellt. Daraus lassen sich inzwischen folgende Schlußfolgerungen ziehen:
1. Die Blattanalyse zum Zeitpunkt des höchsten Nährstoffbedarfes gibt bessere und vor allem rechtzeitige Hinweise über Unter- bzw. Überversorgung der Obstbäume. Dies ist gerade für diesen frühen Zeitpunkt wichtig, denn
· in dieser Zeit der Nachblüte bilden sich in den jungen Früchten dauernd neue Zellen (Phase der Zellbildung der Blüte bis 4-6 Wochen danach!)
· zudem wachsen die vielen Kurztriebe: sie sind ja die wichtigsten Fruchtungsorgane (Blüten, Früchte)
· auch die Induktion der Blütenknospen erfolgt in dieser Zeit.
2. Ein Ungleichgewicht in der Nährstoffversorgung wirkt sich daher in dieser frühen Wachstumsphase viel stärker auf die Blattinhaltsstoffe und damit auf den Fruchtansatz und schlussendlich auf regelmäßige Erträge aus.
3. Im Frühjahr gibt es oft ungünstige Bedingungen für die Nährstoffaufnahme z.B. kalt-feuchte Witterung; häufiger Einsatz der Frostschutzberegnung und damit vernäßte, kalte Böden und späte Erwärmung der Böden; Trockenperioden und damit trockene Böden (z.B. 1996 und für kurze Zeit auch 97 im Frühjahr).
4. Auf ein Ungleichgewicht im Nährstoffgehalt kann man noch rechtzeitig Einfluß nehmen und zwar
· mit schnell-löslichen Düngern über den Boden
· und/oder mit Blattdüngern.


Schlussfolgerung
Für unseren hochentwickelten Obstbau bietet die frühe Blattanalyse ein weiteres wertvolles Instrument, um in Verbindung mit den Bodenanalysenergebnissen unsere hochleistungsfähigen Intensivanlagen optimal zu ernähren, bzw. bei Bedarf auch rechtzeitig geeignete Maßnahmen (Blattdüngung) ergreifen zu können.
Die starke Zunahme und Nachfrage nach der frühen Blattanalyse in den letzten drei Jahren bestätigt auch den Wert dieser Zusatzinformation für ein schnelles, rechtzeitiges Eingreifen und somit für eine optimale und umweltschonende Düngung und Ernährung der Obstbäume.





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