Faktencheck: Laktosefreie Produkte

Stand: 07/25/2014
In den Supermarktregalen finden sich immer mehr laktosefreie Produkte. Die Deutschen kauften im Jahr 2013 dreimal so viele laktosefreie Milcherzeugnisse wie vor fünf Jahren. Unbestritten sind diese Produkte für Menschen, die an einer Laktoseintoleranz leiden, sehr hilfreich. Aber 80% der Käufer von laktosefreien Produkten haben gar keine Milchzuckerunverträglichkeit.
Die Aussage „frei von …“ ist per se positiv besetzt und regt zum Kauf an.

Sind die Speziallebensmittel grundsätzlich „gesünder“?

Für wen sinnvoll?

Laktose (Milchzucker) ist ein natürlicher Bestandteil der Milch. Etwa 15 Prozent der Menschen in Deutschland reagieren mit Beschwerden auf Milchzucker. Diese sind zwar nicht lebensbedrohlich, verursachen aber Durchfall, Blähungen und Bauchschmerzen. Ausführliche Informationen zu Ursachen und Krankheitsbild der Laktose-Intoleranz finden Sie hier:
Essen und trinken bei Laktoseintoleranz.

Für etliche Betroffene ist es nicht unbedingt nötig, spezielle Butter und als laktosefrei angepriesene Schnitt- bzw. Hartkäse zu kaufen. Da Butter mit etwa 0,6 Gramm Laktose pro 100 Gramm relativ wenig Milchzucker enthält, wird sie meist problemlos vertragen. Bei Schnitt- und Hartkäse wie Gouda oder Bergkäse wird die Laktose bereits bei der üblichen Käsereifung abgebaut, so dass spezielle Produkte wenig Sinn machen. Bei laktosefreiem Käse garantieren allerdings die Hersteller, dass der Restlaktosegehalt unter 0,1 Gramm pro 100 Gramm liegt. Da Menschen mit Laktoseintoleranz ganz unterschiedliche Mengen Laktose vertragen, müssen Betroffene selbst testen, welches normale Milchprodukt sie noch vertragen und wann die teureren, laktosefreien Produkte sinnvoll sind.

Aus Vorsicht weglassen?

Das Thema „Nahrungsmittelunverträglichkeiten“ ist in der öffentlichen Wahrnehmung sehr präsent und immer mehr Menschen vermuten, z.B. keine Milchprodukte zu vertragen. Sie wollen auf Nummer sicher gehen und ohne ärztliche Diagnose einen unter Verdacht stehenden Inhaltsstoff weglassen. Diese Verunsicherung wird vom Produktmarketing genutzt. Bezeichnung und werbliche Aufmachung laktosefreier Produkte erwecken den Eindruck, sie hätten in jedem Fall gesundheitliche Vorteile und eine höhere Qualität.

Sogar irreführend ist es, wenn Lebensmittel, die ohnehin keine Laktose enthalten, als „laktosefrei“ bezeichnet werden, z.B. „Schwarzbrot“, Getreideprodukte, Hartkäse (siehe oben), pflanzliche Drinks, Schinken oder Putenbrust. Dies ist eine Werbung mit Selbstverständlichkeiten und Verbraucherverbände fordern vom Gesetzgeber eine klare Kennzeichnung.

Einen Gesundheitseffekt hat der Konsum laktosefreier Produkte nicht und macht aus verschiedenen Gründen keinen Sinn:
  • Wird dem Körper überhaupt kein Milchzucker mehr zugeführt, wird die Synthese des zuständigen Enzyms nach und nach eingestellt. So kann sich tatsächlich eine Unverträglichkeit entwickeln.
  • Durch die möglicherweise fehlerhafte Eigendiagnose wird die Lebensmittelauswahl eingeschränkt. Es wird auf wertvolle Lebensmittel verzichtet und man riskiert einen Mangel an Nährstoffen, z.B. an Kalzium. Und es geht Genuss verloren.
  • Man gibt unnötig Geld für die teilweise doppelt bis sogar vielfach so teuren Spezialprodukte aus.


Fazit

Für Personen mit nachgewiesener Laktoseintoleranz sind Speziallebensmittel ein Gewinn an Lebensqualität.
Wer bei sich Symptome wie Durchfall bemerkt und eine Unverträglichkeit vermutet, der sollte zum Arzt gehen. Laktoseintoleranz lässt sich meist gut diagnostizieren und dann kann die Ernährung gezielt umgestellt werden.
Laktosefreie Produkte sind nicht generell „gesünder“ und für Nicht-Betroffene ohne Nutzen. Sie bieten jedoch dem Handel attraktive Umsatzchancen und Gewinnspannen.


Veranstaltungsangebot der Ernährungsberatung

Wer sich intensiver mit dem Thema der Nahrungsmittelunverträglichkeiten und der auf dem Markt angebotenen Produkte auseinandersetzen möchte, kann Veranstaltungen der Ernährungsberatung der Dienstleistungszentren Ländlicher Raum (DLR) besuchen. Spezialangebote gibt es für Verantwortliche in der Kita- und Schulverpflegung.


Quellen und weiterführende Informationen





ute.poetsch@dlr.rlp.de     www.Ernaehrungsberatung.rlp.de drucken nach oben